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Wissenschaftlerin Tanja Osterhage und Handwerksunternehmer Killian Schramm geben sich auf der Bühne des 18. Projektetreffens Energiewendebauen die Hand. Hinter ihnen steht auf einer Präsentationsfolie „Rechnen Sie Ihr Projekt in Handwerksstunden“.
©  Projektträger Jülich / Forschungszentrum Jülich GmbH
23.09.2026 | Energiewendebauen

Wissenschaft und Praxis Hand in Hand für die Modernisierung im Gebäudebestand

Wie kommen neue Lösungen für die energetische Modernisierung schneller aus der Forschung in die Praxis? Darüber diskutierten am 17. und 18. September 2026 rund 160 Fachleute aus Wissenschaft und Praxis beim18. Projektetreffen Energiewendebauen in Berlin. 

Im Mittelpunkt standen neue Ansätze für Gebäude, Quartiere und Wärmenetze – und die Frage, was es braucht, damit Innovationen im Alltag funktionieren. Die Wärmewende im Gebäudebestand braucht mehr als einzelne technische Lösungen. Neue Materialien, digitale Werkzeuge und Sanierungsverfahren müssen sich wirtschaftlich einsetzen, verständlich vermitteln und unter realen Bedingungen umsetzen lassen. Dafür müssen Forschung, Unternehmen, Kommunen, Handwerk und fachkundige Beratung zusammenspielen.

Auch im Grußwort des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) zum Auftakt stand der Transfer in die Praxis im Fokus. Forschung und Innovation schaffen wichtige Grundlagen für die Wärmewende. Damit daraus marktreife Lösungen entstehen, müssen Wissenschaft und Praxis Hand in Hand gehen. Denn Innovationstransfer profitiert vom Erfahrungsaustausch aller Akteure. Mit dem 8. Energieforschungsprogramm und Forschungsmissionen wie „Wärmewende“ und „Transfer“ schafft das BMWE dafür einen Rahmen.

Teilnehmende der Cocreate-Session stehen in einem Veranstaltungsraum zusammen. Mehrere Personen halten ihre mitgebrachten Gegenstände hoch und kommen miteinander ins Gespräch.
Gezielte Vernetzung in der Cocreate-Session: Die Teilnehmenden hielten ihre Devices hoch, um Interessierte für ihre Themen und Fragestellungen zu finden. © Projektträger Jülich / Forschungszentrum Jülich GmbH 

Mit Rohr, Schachfigur und Kaugummi ins Gespräch

Den fachlichen Austausch eröffnete am ersten Veranstaltungstag die Cocreate-Session. Unter dem Motto „Bring Your Own Device“ hatten die Teilnehmenden Gegenstände mitgebracht, die für ihre Arbeit, ihre Projekte oder eine Frage standen, zu der sie sich vernetzen wollten. Auf den Tischen landeten Rohre aus Forschungsprojekten und Modelle von Demonstratoren ebenso wie eine Schachfigur oder ein Kaugummi. Sie dienten als Gesprächsöffner: Welche Fähigkeiten oder Daten fehlen? Wer kann Wissen oder Erfahrungen beisteuern? Wo ergeben sich Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit?

Anschließend arbeiteten die Teilnehmenden in fünf Themenräumen an konkreten Herausforderungen. Dabei brachten auch Handwerksbetriebe ihre Erfahrungen ein. Ein Hinweis brachte ihre Perspektive besonders knapp auf den Punkt: „Handwerkerstunden mitrechnen.“ Denn nicht nur die technische Leistung entscheidet darüber, ob sich eine Lösung durchsetzt. Auch Zeit und Aufwand für Planung, Installation und Betrieb zählen.

Zahlreiche Beiträge, viele Perspektiven auf den Bestand

Beim anschließenden Posterwalk präsentierten Forschungsprojekte und thematische Verbünde 33 Beiträge. Das Spektrum reichte von CO₂-speicherndem Beton, kreislauffähigen Bauteilen und Lösungen für historische Gebäude über optimierte Wärmenetze bis zu KI-gestützter Regelung, digitalen Planungstools und Fragen der Nutzerakzeptanz.

Die Poster boten zugleich Anlass zum projektübergreifenden Austausch: Welche Ansätze lassen sich auf andere Gebäude oder Quartiere übertragen? Wo bestehen noch Hürden? Und was können andere Projekte aus den bisherigen Erfahrungen mitnehmen?

Von Abwasserwärme bis zum Energiewende-Brettspiel

An 20 Ständen machten Projektteams ihre Forschung mit digitalen Exkursionen und Exponaten erlebbar. Filme, digitale Anwendungen und Demonstratoren gaben Einblicke in aktuelle Forschungsarbeiten – von Abwasserwärme und Wärmepumpenplanung bis zu neuen Sanierungslösungen und einem Energiewende-Brettspiel.

Im Projekt Future-iQ führte eine digitale Exkursion nach Gelsenkirchen. Dort entwickeln ESP, eine Tochter der LEG, sowie die Fraunhofer-Institute UMSICHT und FIT Konzepte, um Bestandsquartiere schneller und sozialverträglich zu dekarbonisieren. In der Eichkampsiedlung entsteht ein Nahwärmenetz, das Wärme aus dem Abwasserkanal nutzt. Der Film zeigte den Weg von der Planung bis zur Baustelle – einschließlich der Erfahrungen und Herausforderungen aus der Umsetzung.

Wie digitale Werkzeuge Abläufe vereinfachen können, zeigte WESPE. Die im Projekt entwickelte PlanAR-App verbindet Aufgaben im Büro und auf der Baustelle und soll so dazu beitragen, Wärmepumpen in bestehenden Ein- und Zweifamilienhäusern schneller und effizienter einzubauen.

Bei AktivDHKS konnten die Teilnehmenden eine Sanierungslösung direkt vor Ort betrachten: Das Projektteam hatte eine Beispielwand aus Dresden mitgebracht. AktivDHKS nutzt die thermische Speichermasse von Gebäuden, um Lasten zu glätten und Wärmepumpen sowie erneuerbare Energien effizienter einzubinden. Das Projekt entwickelt eine kostengünstige, rückbaubare und recyclingfähige Lösung, die ohne Leerzug auskommen soll.

Zahlreiche Teilnehmende sitzen beim Dinner-Talk in einem Veranstaltungsraum. Vorne erläutert ein Referent anhand einer Präsentation das Zusammenspiel von Fernwärme und Wärmepumpe.
Fachlicher Austausch auch am Abend: Beim Dinner-Talk standen Photovoltaik und Wärmepumpen in der Wohnungswirtschaft im Mittelpunkt. © Projektträger Jülich / Forschungszentrum Jülich GmbH

Einen spielerischen Zugang wählte „Changing the Game – Neighbourhood“. Das kooperative Brettspiel macht den klimaverträglichen Umbau von Stadtquartieren bis 2050 greifbar. Vor Ort konnten die Teilnehmenden das Spiel kennenlernen und ausprobieren – inklusive der „Fauli“-Spielchips. Auch beim Abendessen setzte sich der Austausch fort: Der Dinner-Talk „Photovoltaik und Wärmepumpen in der Wohnungswirtschaft“ stieß auf rege Beteiligung und bot Raum für weitere Diskussionen. Zum Abschluss des ersten Tages zog Stefan Krengel vom Projektträger Jülich anhand einer kurzen Teilnehmendenumfrage Bilanz. Auf die Frage nach ihrem größten Aha-Erlebnis nannten die Teilnehmenden besonders häufig den „Austausch mit der Praxis“ und den „Austausch mit Projektpartnern und PtJ“ – und die Erkenntnis, dass unterschiedliche Fragestellungen mit ähnlichen Herausforderungen verbunden sind.

Was braucht es für die breite Anwendung?

Am zweiten Tag gingen die Teilnehmenden in fünf Workshops stärker in die Tiefe. Im Fokus standen innovative Gebäudehüllen, Modernisierungskonzepte für Mehrfamilienhäuser und Wege zur Niedertemperaturfähigkeit ebenso wie Hindernisse beim Praxistransfer und übertragbare Lösungen aus Demonstrationsprojekten.

Über die einzelnen Themen hinweg zeichneten sich gemeinsame Herausforderungen ab. Eine davon: Daten und digitale Schnittstellen. fehlende Metadaten, unterschiedliche Standards und inkompatible Systeme können dazu führen, dass Informationen zwischen einzelnen Arbeitsschritten verloren gehen. Deshalb ging es unter anderem darum, Datenqualität und Interoperabilität zu verbessern und digitale Lösungen stärker unter realen Bedingungen zu erproben.

Zugleich zeigte sich die Vielfalt des Gebäudebestands. Ob Wärmepumpe, Gebäudeautomation, Niedertemperatursystem oder Sanierung der Gebäudehülle: Eine Lösung für alle Gebäude gibt es nicht. Denkmalschutz, Eigentumsverhältnisse, Budgets, vorhandene Technik und Nutzung stellen jeweils andere Anforderungen. Auch Aufstockungen bieten Potenzial für zusätzlichen Wohnraum ohne weitere Flächenversiegelung, stoßen aber auf baurechtliche, technische und wirtschaftliche Hürden.

Wie lassen sich Lösungen also einfacher planen, installieren und nutzen? Die Workshops lieferten dazu verschiedene Ansätze: niedrigschwellige Werkzeuge für das Handwerk, praxisnahe Schulungen und eine stärkere Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachrichtungen. Demonstrationsobjekte und Exkursionen können zudem zeigen, wie neue Technologien im realen Betrieb funktionieren.

Auch das Wissen aus Forschungsprojekten soll leichter für andere nutzbar werden. Welche Informationen und Messgrößen braucht eine übertragbare Blaupause? Wie lassen sich Ergebnisse zielgruppengerecht aufbereiten? Dabei kamen auch digital durchsuchbare Datenbanken zur Sprache – und die Frage, wie sich deren Inhalte langfristig aktuell halten lassen.

Transfer beginnt während der Forschung

Ein Fazit der Workshops lautete: Ob sich technische Ansätze verbreiten, hängt nicht allein von ihrer Leistungsfähigkeit ab. Auch Schnittstellen, Arbeitsaufwand, Qualifizierung, Akzeptanz und die Bedingungen vor Ort entscheiden mit. Wer Lösungen später plant, installiert, betreibt oder nutzt, sollte deshalb frühzeitig eingebunden werden.

Rund 60 Teilnehmende aus der Praxis und rund hundert aus Wissenschaft und Forschung kamen beim 18. Projektetreffen zusammen. In direkten Gesprächen, an den Postern und Ständen sowie in den Workshops brachten sie ihre Perspektiven ein. Dass gerade dieser Austausch bei den Teilnehmenden hängen blieb, zeigte die Umfrage am ersten Abend.

Ausblick: Projektetreffen 2027

Das nächste Projektetreffen steht bereits fest: Das 19. Projektetreffen Energiewendebauen findet vom 28. bis 30. September 2027 bei WISTA Management in Berlin-Adlershof statt.

Für die inhaltliche Mitgestaltung sucht das Organisationsteam Projekte, die eigene Themen und Ideen einbringen möchten. Gesucht werden außerdem Orte und Gebäude für Exkursionen und Besichtigungen, an denen sich Forschung und Anwendung vor Ort erleben lassen.

Interessierte Projekte können sich unter ptj-ewb-projektetreffen@fz-juelich.de melden.

Das 18. Projektetreffen Energiewendebauen organisierte der Projektträger Jülich (PtJ) im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE).

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