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Szene auf dem Kongress zur Energieforschung in Industrie und Gewerbe 2026.
© Peter Himsel / EFIuG 2026
23.03.2026 | Industrie und Gewerbe

Industrie und Gewerbe: Energieforschung unter veränderten Vorzeichen

Die aktuelle weltpolitische Lage verändert die Prioritäten in der Energiepolitik. Doch was bedeutet das für die Energieforschung? Der Kongress zur Energieforschung in Industrie und Gewerbe bot Gelegenheit für eine Standortbestimmung – und Einblicke in neue Trends, Innovationen und Herausforderungen.

Ein großflächiger Stromausfall in Berlin im Januar, ungewöhnlich hohe Temperaturen im Februar und stark steigende Benzinpreise im März – schon die ersten Monate des Jahres 2026 haben deutlich gemacht, wie komplex und zugleich dringlich die Herausforderungen im Energiesektor sind. Die Notwendigkeit, schnell und flexibel zu handeln, um unsere Energiesysteme effizienter, resilienter und zukunftssicher zu gestalten, zog sich dann auch wie ein roter Faden durch den Kongress zur Energieforschung in Industrie und Gewerbe. Dieser fand am 17. und 18. März 2026 im Tagungswerk Berlin statt und wurde am ersten Veranstaltungstag zusätzlich per Livestream übertragen.

Dr. Heike Brugger, Geschäftsführerin des IREES – Institut für Ressourceneffizienz und Energiestrategien, machte bereits in ihrer Begrüßung deutlich, worauf es in der Energieforschung jetzt ankommt: „Wir müssen schneller werden – und zugleich gründlicher.“ Diese Gleichzeitigkeit sei entscheidend für den Erfolg der industriellen Transformation, so die Leiterin der Begleitforschung für das Forschungsnetzwerk Industrie und Gewerbe, die den Kongress organisiert hatte.

Dr. Heike Brugger (IREES) während ihrer Begrüßung.
Dr. Heike Brugger (IREES) bei ihrer Begrüßung. (© Peter Himsel / EFIuG 2026)

Es gelte, weiterhin in Grundlagenforschung zu investieren und gleichzeitig vorhandene Lösungen rasch in die Anwendung zu bringen. Ebenso wichtig sei es, offen für neue Technologien zu bleiben und zugleich evidenzbasiert zu handeln. „Wir müssen Evidenz steigern und gleichzeitig die dahinterstehenden Systeme verändern“, so Brugger. Zwar werde die Industrie Projektionen des Umweltbundesamtes zufolge ihre CO₂-Minderungsziele bis 2030 leicht übertreffen, danach sei jedoch mit einer deutlichen Abschwächung der Fortschritte zu rechnen.

Lebhafte Diskussionen während der Poster-Ausstellung.
Lebhafte Diskussionen während der Poster-Ausstellung. (© Peter Himsel / EFIuG 2026)

Damit war der Rahmen gesetzt für zwei Tage intensiven Austauschs zwischen Vertreterinnen und Vertretern aus Industrie, Forschung, Politik und Förderinstitutionen. Ziel des Kongresses war es, Inspiration zu bieten und Interaktion zu ermöglichen – und beides gelang durch vielfältige Impulsvorträge einerseits sowie partizipative Formate andererseits.

So bot ein Poster-Pitch am Ende des ersten Veranstaltungstages zahlreichen Wissenschaftsinstitutionen Gelegenheit, vielversprechende Forschungsprojekte vorzustellen und im Anschluss mit Interessierten zu diskutieren. Der zweite Veranstaltungstag stand im Zeichen sogenannter Thementische, an denen die Teilnehmenden gemeinsam an spezifischen Fragestellungen aus verschiedenen Bereichen der Energieforschung für Industrie und Gewerbe arbeiteten. Die Ergebnisse und daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen wurden anschließend im Plenum präsentiert.

Am zweiten Kongresstag arbeiteten die Teilnehmenden an insgesamt 15 Thementischen gemeinsam an spezifischen Fragestellungen.
Einer der insgesamt 15 Thementische, an denen gemeinsam an spezifischen Fragestellungen gearbeitet wurde. (© Peter Himsel / EFIuG 2026)

Resilienz, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gewinnen an Bedeutung

Den inhaltlichen Auftakt zum Kongress machte Dr. Barbara Schlomann vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) mit einem Überblick über die Strategie und Forschungsroadmap des Netzwerks Industrie und Gewerbe. Die Vorsitzende des Expertenrats für Klimafragen benannte zwei zentrale Ausgangspunkte: Deutschland drohe, seine nationalen Klimaziele zu verfehlen. Zugleich hätten sich die energie- und klimapolitischen Rahmenbedingungen spürbar verändert.

Die grundlegenden Bausteine der Transformation – erneuerbare Energien, Speichertechnologien und Elektrifizierung – blieben zwar zentral. Allerdings müsse Energie- und Klimapolitik künftig stärker mit Industrie- und Wettbewerbspolitik sowie mit Sicherheits-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik verzahnt werden. „Dabei gilt es, Synergien so weit wie möglich zu nutzen und Co-Benefits zu maximieren“, betonte Schlomann. Für die Energieforschung bedeute dies, verstärkt auf Lösungen zu setzen, die mehrere politische Ziele gleichzeitig unterstützten – etwa in den Bereichen Resilienz, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Auch die Forschungsförderung müsse sich anpassen, beispielsweise durch mehr kurzfristige Projekte, agile Förderformate und niedrigere Einstiegshürden.

Dr. Mario Ragwitz, Professor an der BTU Cottbus-Senftenberg für integrierte Energieinfrastrukturen, unterstrich in seinem Impulsvortrag ebenfalls die strategische Bedeutung der Energieforschung. Diese sei kein Selbstzweck, sondern ein zentraler Innovationstreiber für neue Technologien, Prozesse und Dienstleistungen. Als wesentliche Faktoren nannte Ragwitz das sogenannte Carbon Budget (also die maximale Menge an Kohlendioxid, die emittiert werden darf, um das Erreichen der Klimaziele nicht zu gefährden), die Verfügbarkeit kritischer Rohstoffe sowie die Notwendigkeit einer kostengünstigen und sicheren Energieversorgung.

Prof. Dr. Mario Ragwitz (Fraunhofer IEG) bei seinem Impulsvortrag.
Prof. Dr. Mario Ragwitz (Fraunhofer IEG) hielt einen Impulsvortrag. (© Peter Himsel / EFIuG 2026)


Anhand konkreter Beispiele zeigte der Institutsleiter der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien (IEG), wie Forschungsergebnisse schnell in die industrielle Praxis überführt werden können – etwa bei Großwärmepumpen, klimafreundlichen Kältemitteln oder der geothermischen Erzeugung von Prozessdampf für die Papierindustrie. Die Energieforschung wirke dabei wie ein Gewächshaus, in dem Früchte gedeihen, die sich vergleichsweise leicht ernten lassen. 

Künstliche Intelligenz als Innovationstreiber

Dass Künstliche Intelligenz dabei zunehmend an Bedeutung gewinnt, zeigte sich in der anschließenden Session „Erfolgsgeschichten der Energieforschung“. Dr. Heiko Ranzau vom KI-Start-up etalytics stellte die Entwicklung einer KI-gestützten Optimierungssoftware vor, mit der sich die Effizienz industrieller Energieversorgungssysteme deutlich steigern lässt. Das Einsparpotenzial liege – je nach Unternehmen und Anlagen – zwischen zehn und 50 Prozent, so Ranzau. Entsprechend groß sei die Nachfrage nach dieser Innovation. Doch nicht nur die Kunden profitieren. Auch etalytics bieten sich neue Perspektiven. So plant der Software-Anbieter aus Darmstadt, eine Niederlassung in San Francisco zu eröffnen, um im US-amerikanischen Markt Fuß fassen zu können.

Eine klassische Win-win-Situation – und ein anschauliches Beispiel dafür, wie Transformation in der Industrie gelingen kann. Genau darum ging es auch in der anschließenden Podiumsdiskussion, die Perspektiven aus Industrie, Forschung, Zivilgesellschaft und Politik zusammenbrachte. Dr. Gerd-Sebastian Beyerlein vom Unternehmen RAMPF Advanced Polymers betonte, dass für die Industrie Planbarkeit entscheidend sei. Eine klare politische Leitlinie forderte auch Mika Schachenmayr: „In den vergangenen Jahren wurden viele Transformationsprozesse angestoßen, aktuell wird jedoch vieles wieder zurückgenommen. Die Politik muss klare Signale senden, und die müssen auch eindeutig sein“, so der Pressesprecher von Fridays for Future Berlin.

 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Plenum.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Plenum. (© Peter Himsel / EFIuG 2026)

Dr.-Ing. Joachim Wünning, Geschäftsführer des mittelständischen Unternehmens WS Wärmeprozesstechnik, verlangte ebenfalls ein klares politisches Bekenntnis der Politik, „dass wir wegwollen von den fossilen Energieträgern“. Prof. Dr.-Ing. Lydia Kaiser von CONTACT Software, bis vor Kurzem Leiterin des Fachgebiets Digitales Engineering 4.0 an der TU Berlin, hob zudem die zentrale Rolle der Digitalisierung hervor. 

Impulse zur Rolle der Forschung

Die Keynote von Dr. Clemens Rohde, Professor für wirtschaftliche Transformationsprozesse von Energie- und Industriesystemen an der Universität Wuppertal, griff dieses Thema zu Beginn des zweiten Kongresstages auf. Unter dem Titel „Digitalisierung als Treiber der Industrietransformation“ setzte er dann aber bewusst andere Akzente: Er wolle nicht über konkrete Dekarbonisierungspfade sprechen, sondern „Impulse geben, was Forschung leisten kann“, sagte der Leiter der Abteilung Zukünftige Energie- und Industriesysteme am Wuppertal Institut.

 

Prof. Dr. Clemens Rohde hielt die Keynote am zweiten Veranstaltungstag.
Prof. Dr. Clemens Rohde (Wuppertal Institute) hielt die Keynote am zweiten Veranstaltungstag. (© Peter Himsel / EFIuG 2026)

Forschung, so Rohde, brauche Ruhe und Zeit, um Ideen zu entwickeln – im Büro ebenso wie im Labor. „Wir lernen auch dadurch, dass wir Fehler machen und Ideen verwerfen.“ Gleichzeitig erfordere die Transformation ein hohes Maß an Geschwindigkeit. „Wir stehen vor der Herausforderung, ein Energiesystem, das stark vom Import fossiler Energieträger geprägt ist, in ein neues zu überführen. Das Zieljahr 2045 lässt uns dafür nicht mehr viel Zeit. Wir brauchen also beides: Zeit und Geschwindigkeit – und zwar gleichzeitig“. Dass die Energieforschung in der Lage ist, diese Spannung auszuhalten und gemeinsam mit Partnern aus der Industrie kurzfristig und in ganz unterschiedlichen Bereichen Lösungen zu entwickeln, die wie Puzzleteile zum Umbau unseres Energiesystems beitragen, hat nicht zuletzt dieser Kongress eindrucksvoll gezeigt. (na)

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