So stemmen Stadtwerke die Finanzierung von Energieinnovationen
Viele Städte und Gemeinden stehen vor umfassenden Investitionen in ihre Energieinfrastruktur, etwa um unabhängiger von fossilen Brennstoffen zu werden. Drei Beispiele, wie Stadtwerke das finanzieren können, erfuhren Interessierte im April bei der Veranstaltungsreihe SW.aktiv.
Umsetzen müssen die Innovationen meist die Stadtwerke, die selten über die Ressourcen für einen solch gewaltigen und manchmal eben auch kurzfristigen Umbau der Energieversorgung verfügen. Wie ambitionierte Projekte dennoch zu finanzieren sind, dazu tauschten sich knapp 150 Vertreterinnen und Vertreter von Stadtwerken, Versorgern und weitere Interessierte im Rahmen der Veranstaltung „Investitionen in die Energiewende – Praxisbeispiele und neue Finanzierungswege“ aus. Dazu hatte der Themenverbund „Aktivierung der Stadtwerke“ die Zuständigen für drei sehr unterschiedliche Finanzierungsprojekte eingeladen.
Wärmeverbünde nach dem „Konstanzer Modell“
Die Stadtwerke Konstanz setzen dabei auf Projektgesellschaften zur Umsetzung von Wärmeverbünden, einer Art Public-Private-Partnership. Zwar investiere die Stadt als Gesellschafterin des kommunalen Energieversorgers bereits jedes Jahr zwei Millionen Euro in die Region, erklärte Dominik Löhle, Geschäftsbereichsleiter Energielösungen. Aber Konstanz werde derzeit mit 90 Prozent fossiler Wärme versorgt und stehe nun vor Investitionen von geschätzt 550 Millionen Euro. Nicht zu investieren sei allerdings auch keine Lösung – wirtschaftlich tragfähige Wärmelösungen brächten schließlich die Erträge der Zukunft.
Geplant ist, Wärme aus dem Bodensee, einer Müllverbrennungsanlage und weiteren nachhaltigeren Quellen zu gewinnen. Mit dem Wärmeverbund Bodensee-Therme ist bereits eine erste Projektgesellschaft gegründet worden. Ziel ist, ein erstes Wärmequartier über eine Großwärmepumpe zu versorgen, die Seewasser als Quelle nutzt. Partner ist dabei die Igony Energies GmbH. Sie und die Stadtwerke werden jeweils 50 Prozent an der „Wärmeversorgung Bodensee-Therme GmbH“ halten.
Um geeignete Partner für solche Projektgesellschaften zu finden, hatten die Stadtwerke im Vorfeld eine klare Bewertungsmatrix erstellt. Diese enthält Kenngrößen wie eine geringe Kapitalrendite, einen hohen Nachhaltigkeitsfokus, Erfahrungen bei Wärmenetzen und Großwärmepumpen oder auch die aktuelle Versorgung von Objekten. Die potenziellen Partner sollen die Kompetenzen der Stadtwerke ergänzen und sich an der Finanzierung beteiligen, die hauptsächlich aus Fördermitteln und Fremdfinanzierung bestehen soll. Auch die Stadt selbst will sich beteiligen. „Es braucht Mut zu neuen Finanzierungswegen“, empfiehlt Löhle. „Und als Stadtwerk muss man mit dem Gesellschafter aktiv sprechen.“ Er sieht in den Kooperationen mit privaten Partnern mehrere Vorteile: mehr Know-how, mehr Finanzierungsmöglichkeiten und weniger Risiko. Gerade wenn, wie in Konstanz geplant, mehrere Projektpartner an Bord geholt werden.
Schwarmfinanzierung in Münster
Die Stadtwerke Münster setzten in den vergangenen Jahren verstärkt auf sogenannte „Crowdinvestments“. Nachdem sie zuvor schon Erfahrungen mit Genussrechten, Sparbriefen und Energiegenossenschaften gesammelt hatten, sei nun Schwarmfinanzierung aus gleich mehreren Gründen das Mittel der Wahl, erklärte Maximilian Wolf, Abteilungsleiter Erneuerbare Energien: Sie schafften eine breite Beteiligungsmöglichkeit, erzeugten eine hohe Sichtbarkeit, seien auch digital umsetzbar und brächten einen geringen Verwaltungsaufwand für alle Beteiligten mit.
Über eine Online-Plattform können Interessierte sich an Projekten beteiligen, indem sie Darlehen oder Genussrechte zeichnen. Der Vorteil dieses Geldes: Banken zählen per Crowdinvest eingesammelte Mittel zum Eigenkapital. Bürgerinnen und Bürger im Stadtteil und Kundinnen und Kunden der Stadtwerke hätten Vorzeichnungsrechte, so Wolf.
Das so eingesammelte Geld sei natürlich nicht das einzige Finanzierungsmittel, das die Stadtwerke Münster nutzt – aber eben eines mit besonderer Emotion. So brachten Bürger die Förderung für einen Agri-Solarpark innerhalb eines Tages auf, berichtet Wolf.
Vorteile des Schwarms
Dass Stadtwerke bei Schwarmfinanzierungen nicht nur an Geld denken sollten, riet Josef Baur, Geschäftsführer der eueco GmbH. Das Unternehmen organisiert Bürgerbeteiligungsformate wie in Münster. Hauptmotivation für Kommunen sei dabei nämlich nicht, an Eigenkapital zu gelangen. Aber Schwarmfinanzierungen erhöhten die Kundenbindung und führten darüber hinaus zu neuen Möglichkeiten im Vertrieb. Auch für das Image und die allgemeine Akzeptanz des Vorhabens sei es von Vorteil.
„Die Bedeutung der Finanzierung ist bei der Bürgerbeteiligung gestiegen“, erklärte Baur. Die Entscheidungsbeteiligung, bei der sich Bürgerinnen und Bürger beispielsweise in Dialogverfahren oder Abstimmungen einbringen können, sei natürlich immer noch wichtig. Aber die Leistungsbeteiligung, bei der sie die Rolle von Investoren einnehmen, wachse als zweites Standbein mit den Möglichkeiten der schuldrechtlichen Beteiligungen. Die Erfahrung zeige aber, dass vor allem Projekte für diese Finanzierungsform geeignet seien, die rechtssicher und zeitnah fertigstellt werden könnten; und natürlich auch die entsprechende Rendite bringen. „Der Bürger wird zum Partner für die Energiewende – und stärkt das Eigenkapital“, fasste Baur zusammen. Allerdings schränkten Wolf und Baur ein, dass sich dies besonders bei kleineren Vorhaben lohne: Ab sechs Millionen Euro Emissionsvolumen sei rechtlich ein sogenannter Prospekt mit detaillierten Informationen zu dem Finanzinstrument notwendig, dessen Erstellung durchaus aufwendig sein könne.
Hamburg: Großinvestitionen am Kapitalmarkt
In ganz anderen finanziellen Sphären müssen die Hamburger Energiewerke agieren. Per Volksentscheid entschieden die Bürgerinnen und Bürger, dass die Millionenstadt bis 2040 CO2-neutral werden soll. Der Hamburger Energieversorger muss daher ambitionierte Ziele zur Dekarbonisierung der Fernwärme umsetzen: Kohleausstieg bis 2030, klimaneutral bis 2040. Derzeit wird die Wärme aber noch zu großen Teilen aus Kohlenergie gewinnen. Damit künftig klimaneutrale Wärmequellen wie industrielle Abwärme aus der Schwerindustrie in modularen Erzeugerparks wie dem Energiepark Hafen eingebunden werden können, sind auch Mittel vom Kapitalmarkt notwendig.
Dafür haben sich die Energiewerke um ein Rating, also eine privatwirtschaftliche Beurteilung der Kreditwürdigkeit bemüht - und mit diesem im Gepäck Banken für die Abwicklung von grünen Schuldscheindarlehen gesucht. Am Ende fiel die Entscheidung auf drei unterschiedliche Institute, die mit der Erstellung eines sogenannten Green Framework, also eines Rahmenwerks für Nutzungskriterien, der Funktion als Zahlstelle und der Investorenansprache beauftragt wurden. „Wobei wir den langen Auswahlprozess, den wir vorgenommen haben, nicht noch einmal wiederholen würden“, so Chris Schmelter, Geschäftsbereichsleiter Finanzen bei den Hamburger Energiewerken. Die Prozesse seien überall ähnlich, es sei daher nicht erforderlich, mehr als eine Handvoll Anbieter anzufragen.
Schließlich platzierten die Hamburger Energiewerke Schuldscheine beziehungsweise Namensschuldverschreibungen, um damit in Summe 400 Millionen Euro zu Festzinssätzen einzusammeln, deutlich mehr als ursprünglich geplant und teilweise mit Laufzeiten von über 20 Jahren. „Bei den Beträgen wird es mit der Bürgerbeteiligung natürlich schwierig“, sagte Schmelter mit Blick auf das Münsteraner Modell.
Nachhaltigkeit macht attraktiver
Möglich sei allerdings, Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen und damit als Emittent attraktiver am Finanzmarkt zu werden. Die Hamburger Energiewerke hatten dabei zwei Optionen. Einmal sogenannte ESG-linked Loans, bei denen Zinsanpassungen durch das (Nicht-)Erreichen bestimmter KPIs möglich sind. Sie entschieden sich aber für Green Finance Framework (auch: Grüne Schuldscheindarlehen). Dabei dürfen die Mittel nur für Projekte genutzt werden, die Kriterien des bereits erwähnten Rahmenwerks entsprechen. Dieses wird durch eine externe Agentur überprüft, der sogenannten „second party opinion“. Mit Green Finance Frameworks lassen sich so ebenfalls Ziele wie bessere Vertriebsmöglichkeiten, Image und Akzeptanz erreichen.
So zeigte sich bei der Veranstaltung, auf wie vielfältige Finanzierungsmöglichkeiten Stadtwerke aller Größen zurückgreifen können – oft mit positiven Nebeneffekten, sei es durch das Know-how von Projektpartnern, bessere Finanzierungsmöglichkeiten oder einen positiven Effekt auf die eigene Marke.