Wärme & Kälte Dialog: Innovationen für die Fernwärme
Wärme aus Gewässern und Innovationen bei Wärmepumpen machen die Fernwärmeversorgung klimafreundlicher. Drei Forschungsprojekte arbeiten daran, die benötigten Technologien effizient und bezahlbar einsetzen zu können. Ihre Ansätze und Ergebnisse stellten die Forscher beim Wärme & Kälte Dialog vor.
Fernwärme versorgt sechs Millionen deutsche Haushalte – aber der Bedarf steigt und ein großer Teil kommt immer noch aus fossilen Energien. Ein Hoffnungsträger für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung sind Großwärmepumpen. Im Reallabor der Energiewende „GWP“ arbeiten acht Institutionen gemeinsam daran, Großwärmepumpen an fünf sehr unterschiedlichen Standorten ins Fernwärmenetz zu integrieren. (Mehr Informationen zum Projekt finden Sie auf dem Fachportal energieforschung.de.)
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE begleitet dabei den Forschungs- und Entwicklungsbetrieb der Großwärmepumpen, insbesondere das Monitoring. Sebastian Herkel, der dort die Abteilung Energieeffiziente Gebäude leitet, bot einen Überblick über erste Messergebnisse sowie Erfahrungen aus Konzeption, Einbindung und Inbetriebnahme der Anlagen.
Zunächst stellte er beim Wärme & Kälte Dialog im September die fünf Standorte vor, an denen thermische Leistungen zwischen einem und 22 Megawatt installiert wurden. Dabei gibt es kleinere, vorgefertigte Anlagen (sogenannte Skid-Systeme) und zwei große, verfahrenstechnisch gebaute Anlagen mit deutlich höherer Leistung am Rhein in Mannheim sowie am Neckar in Stuttgart.
Kennzahlen des Betriebs von Großwärmepumpen
Zur Person
Sebastian Herkel ist Abteilungsleiter für den Bereich Energieeffiziente Gebäude am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg.
Im Mittelpunkt des Monitorings stehen unter anderem das Teillastverhalten, die Regelung, die Einsatzdauer und der Betrieb im Zusammenspiel mit dem Fernwärmenetz. Wichtige Kennzahlen: Die Leistungszahl (COP) beschreibt das Verhältnis von eingesetzter elektrischer zu erzeugter Wärmeleistung, der (Carnot-)Gütegrad beschreibt die Annäherung zur theoretisch maximal möglichen Effizienz. Dazu kommt der Temperaturhub am Standort, also die Differenz zwischen der Wärmequellen-Temperatur und der Wärmesenken-Temperatur. Erfasst werden zudem die tatsächlich gemessenen Temperaturen.
Laufzeitdaten GWP
Mit den erhobenen Daten zeigte sich Herkel zufrieden:
Sebastian Herkel: "Spannende Frage: Was haben wir denn für Laufzeiten? Seit wann haben wir den Messbetrieb? Wir haben diese drei Geräte, die wir in Rosenheim installiert haben, und dort sind wir jetzt seit fast drei Jahren im Betrieb. Wir haben die Anlage der MVV, die seit Ende 2023 im Betrieb ist. Wir haben die Anlage beim Fernheizwerk Neukölln, die nach Herausforderungen bei der Inbetriebnahme und Störungen, die da waren, dann ab März 2025 in Betrieb ist. Und wir haben die EnBW, die Anfang 2024 in Betrieb gegangen ist.
Was können die Anlagen, was ist gemessen worden? Zunächst mal der COP. Das liegt jetzt in Stuttgart bei rund 2,8, in Mannheim auch bei 2,8 über das Betriebsmittel. In Rosenheim etwas niedriger und in Neukölln, mit einer durchaus anderen Betriebsweise, bei den Daten, die wir bis jetzt gesehen haben, bei 5,6. Wenn man sich dann die Gütegerade dazu anschaut, dann liegt der in Stuttgart bei 47 %, Mannheim 42 %, Rosenheim 50%. Und wenn man sich jetzt diese Kennwerte oder Gütegerade auch im Verhältnis zu den Temperaturen anschaut, da sieht man – typische Fernwärmeanwendung – dass wir in Stuttgart eben Temperaturhub von 64 Kelvin haben, in Mannheim sogar 75, Rosenheim auch, 76 sogar, und in Neukölln, einen relativ kleinen Temperaturhub, was natürlich dann auch entsprechend den COP nach oben treibt.
Von den Quellentemperaturen kann man ziemlich gut ablesen: Wie ist denn die Situation? Da sieht man hier in Rosenheim mit den 9,7 Grad [Quelltemperatur], dass es eben deutlich kälter ist. In Neukölln ist es eben diese Abwärmenutzung aus den BHKWs, Rücklaufanhebung, und die beiden großen Fließgewässer Rhein und Neckar. Und insofern ist so das Fazit aus der ganzen Effizienzbetrachtung für diese Querevaluierung das: Die Erwartungswerte der Leistungsfähigkeit entsprechen der Planung. Also die werden erreicht und das ist zunächst mal ein ganz wichtiges Ergebnis: Planung und Geräte machen das, was sie sollen."
Daneben spielen vor allem die Betriebszeiten eine wichtige Rolle bei der Frage, wie effizient Großwärmepumpen arbeiten.
Betriebszeiten
Auch zu diesen Zahlen gibt es Ergebnisse, berichtete Herkel:
Sebastian Herkel: "Wie viele Zyklen haben wir da eigentlich? Bei welchen Zeiten? Was man da sieht, ist, dass die typischen Laufzeiten in der Mitte bei elf Stunden lagen. Und zwar ziemlich quer über alle Projekte. Und das heißt, wir erleben dort im realen Betrieb deutlich höheres Aufkommen an Start-Stopp-Vorgängen gegenüber der ursprünglichen Konzeptionierung, die, sagen wir mal ganz klassisch „Im Winter läuft das Ding so in der Baseload und im Sommer wird es rausgenommen“ [war]. Und das ist etwas, was wir so gar nicht sehen. Und was natürlich dann bei der Auslegung auch der Stabilität in Bezug auf Zyklen oder ähnlichen Dingen in Zukunft, glaube ich, genau beachtet werden sollte.
Wenn wir jetzt uns anschauen, wann und wie sind diese Anlagen gelaufen? Da sehen wir, sagen wir mal, zwischen den Anlagen, die sich frei am Energiemarkt über Day-Ahead-Preise refinanzieren auf der Stromseite, Unterschiede zu den Laufzeiten der Anlagen, die ihre Wirtschaftlichkeit über die Teilnahme an einem Förderregime für Kraft-Wärme-Kopplung bekommen, weil ich dort einfach Mindestanforderungen der Laufzeiten habe. Und die sind einfach etwas anders als die Laufzeiten der Anlagen bei dem Energiemarkt. Und was ganz wichtig ist bei dieser Gesamtbewertung: Ohne dass man den Kraftwerksverbund versteht, ist es nicht ganz einfach, diese Dinge sauber vorherzusagen."
Wärme aus kalten Flüssen dank des Tripelpunkt-Effekts
Eine Herausforderung, die auch den GWP-Forschenden begegnet ist, ist die geringe Energieausbeute bei niedrigen Temperaturen. Die Forschungsprojektereihe Aqva Heat nimmt sich diesem Thema an – die Ergebnisse stellte Mathias Safarik vom ILK Dresden beim Wärme & Kälte Dialog vor.
Während Flüsse etwa wegen ihrer Regenerationsfähigkeit und Stadtnähe eine ideale Wärmequelle für Wärmepumpen sein können, kühlen sie im Winter empfindlich ab. Schon bei sechs Grad Celsius arbeiten manche Wärmepumpen nicht mehr effizient – dabei wird gerade beim Phasenwechsel um den Nullpunkt herum besonders viel Energie frei. Die Vakuum-Flüssigeistechnologie nutzt diesen Effekt, indem sie durch das teilweise Ausfrieren von Wasser mit dem sogenannten Tripelpunktverfahren Wärme entziehen kann.
Zur Person
Dr.-Ing. Mathias Safarik leitet den Bereich Angewandte Energietechnik am Institut für Luft- und Kältetechnik (ILK) Dresden.
Energie dank des Tripelpunktverfahrens
Wie das funktioniert und sich auf Flüsse als Energiequelle anwenden lässt, erklärte Safarik beim Wärme & Kälte Dialog:
Mathias Safarik: "Es ist ein Kaltdampf-Kompressionskälteverfahren, wie es auch in anderen Wärmepumpen funktioniert. Allerdings mit dem Unterschied, dass das Kältemittel Wasser hier zum Einsatz kommt. Das heißt, in der Anwendung Gewässerthermie kommt jetzt Wasser, aus dem Fluss zum Beispiel, in den Verdampfer. Dort wird Wasser verdampft. Der Wasserdampf wird von einem Turboverdichter auf ein höheres Druckniveau gefördert und dann, in einem Direktkondensator, wird der Wasserdampf wieder kondensiert und gibt dabei die Kondensationswärme ab.
Warum heißt das Verfahren Tripelpunktverfahren? Weil im Verdampfer bei einer Temperatur von null Grad Celsius Tripelpunkt-Bedingungen vorliegen. Der Tripelpunkt ist ja der Punkt im Phasendiagramm, wo die drei Zustandsphasen „fest“, „flüssig“ und „gasförmig“ aufeinandertreffen. Bei Wasser sind das sechs Millibar und null Grad Celsius.
Der spannende Prozess findet jetzt an der Wasseroberfläche statt. Wenn nämlich das Wasser eine Temperatur von null Grad Celsius hat und der Dampf hier abgesaugt wird, dann hat dieses System das Bestreben, den Wasserdampf nachzuliefern, quasi wieder das Gleichgewicht herzustellen. Also es wird Wasser verdampfen und für diese Verdampfung ist Wärme notwendig, die aber jetzt nicht von einem Wärmeübertrager irgendwie zugeführt wird, sondern die zur Verdampfung notwendige Wärme wird den flüssigen, zurückbleibenden Wassermolekülen entzogen, die dabei einfrieren. Und deswegen wird dieser Prozess quasi von den beiden latenten Wärmen – der Verdampfungsenthalpie, die ist sehr groß bei Wasser, 2500 Kilojoule pro Kilogramm, und der Schmelzenthalpie, 333 Kilojoule pro Kilogramm – bestimmt. Das heißt, wenn ein Wassermolekül verdampfen soll, dann müssen siebeneinhalb Wassermoleküle von null Grad Celsius Wasser flüssig zu null Grad Celsius Eis gefrieren, geben dabei diese Schmelzenthalpie an das zu verdampfende Molekül ab. Und dieses Dampfmolekül hat jetzt diese hohe Energie in sich, zwar bei null Grad Celsius, aber trotzdem sehr energiereich. Und diese Energie wird dann durch die Druckerhöhung, die der Turboverdichter leistet, quasi auf ein erschließbares Temperaturniveau gebracht und dann der Wärmepumpe zur Verfügung gestellt."
Forschungsarbeit als Grundlage für Genehmigungsleitfaden und neues Start-up
Im Projekt AQVA-HEAT III beschäftigen sich die Forschenden derzeit mit der Demonstration und wissenschaftlichen Begleitung dieses Konzepts. Am Standort in Zittau nutzen sie die Mandau, ein Fließgewässer, als Wärmequelle. Als Wärmesenke dient das zentrale Fernwärmenetz der Stadtwerke. Die Forschenden erproben das Gesamtsystem saisonal übergreifend, begleitet durch ein umfangreiches gewässerökologisches Monitoring.
Auszug aus der Präsentation beim Wärme & Kälte Dialog:
Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse bilden die Grundlage für einen Genehmigungsleitfaden. Dazu führt das Projektteam das Projekt in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Fachbehörden durch, damit sie diese dafür sensibilisieren, Gewässer als leistungsfähige Wärmequelle zu erschließen. Um das Konzept wirtschaftlich umzusetzen, hat sich zudem ein Start-up aus dem Projektumfeld ausgegründet.
Absorptionswärmepumpen: Mehr Energie aus der Geothermie
Eine Technologie, die bei der Aquathermie, aber auch in anderen Kontexten zum Tragen kommt, ist die Absorptionswärmepumpe. Dieser widmete sich Manuel Riepl, Geschäftsführer der eQrima Energie Solutions, in seinem Vortrag. Das Unternehmen untersucht im Projekt AbsoFern, wie Absorptionswärmepumpen als Fernwärmeübergabestationen eingesetzt werden können.
Dort können sie das Potenzial des warmen Netzvorlaufs nutzen, um dem Netzrücklauf zusätzliche Wärme zu entziehen. So sinkt die Rücklauftemperatur und das Netz kann mehr Wärme transportieren. Das lohnt sich vor allem bei der Geothermie, da hier keine zusätzliche Leistung hinzugeführt werden muss. Die Absorptionswärmepumpe reduziert die Temperaturen im Rücklauf, um mehr Energie auf Nutztemperaturniveau zur Verfügung zu stellen – ohne dabei Strom zu verbrauchen. (Eine ausführliche Erklärung des Projekts finden Sie auf dem Fachportal energieforschung.de.)
Zur Person
Dr.-Ing. Manuel Riepl ist Gründer und Geschäftsführer der eQrima Energy Solutions GmbH mit Sitz in Garching bei München.
Als Übergabestation eignet sich die Anlage je nach Umständen – ein hohes Exergiegefälle, also insbesondere eine hohe Vorlauftemperatur und eine niedrigere Nutztemperatur bei Verbraucher, limitierte Netzanschlusskapazitäten und ein dezentraler Einsatz sind von Vorteil.
Einsatzgebiete Absorptionswärmepumpen
Mögliche Einsatzgebiete für Absorptionswärmepumpen sind von den Rahmenbedingungen abhängig, erklärte Riepl:
Manuel Riepl: "Nichtsdestotrotz gibt es – und das ist aber auch tatsächlich netzabhängig oder anwendungsabhängig – interessante Optionen für die Absorptions-Wärmepumpe. Und hier, so wie sie als Übergabestation jetzt mal definiert ist, ist sie vor allem oder eigentlich fast ausschließlich für die dezentrale Anwendung gedacht, nämlich an Orten im Netz, wo ein Engpass besteht oder wo eben das Temperaturgefälle zwischen dem Hauptnetz und einem Subnetz beispielsweise groß genug ist. Wir sind gerade dabei, das mit kleinen Netzbetreibern abzustimmen und umzusetzen. Wie gesagt, die Randbedingung, die man finden muss für diese Anwendung ist ein möglichst hohes Temperaturgefälle. Dort, wo die Exergie-Verschwendung am offensichtlichsten ist, dort lohnt es sich am ehesten."
Forschungsergebnisse können Anteil der Fernwärme steigern
Der Wärme & Kälte Dialog im September hat gezeigt: Ungenutzte Wärmepotenziale aus dem Wärmenetz, aus dem Phasenwechsel von Wasser oder aus den immer wärmer werdenden deutschen Flüssen können auch im Winter klimafreundliche Wärme liefern. Während derzeit nur ein Drittel der Fernwärme aus klimafreundlichen Quellen stammt, haben die präsentierten Innovationen das Potenzial, den Anteil der Fernwärme weiter zu steigern
Die Reihe findet im Rahmen der Energie-Dialoge der Forschungsnetzwerke Energie statt und stellt quartalsweise Forschungsprojekte aus den beiden Themenbereichen vor – das nächste Mal im Dezember zum wintertauglichen Thema Kälte. Alle Informationen zur Reihe finden Sie auf dieser Seite.
Wärme & Kälte Dialog
Im Wärme & Kälte Dialog berichten Expertinnen und Experten aus ihren Forschungsprojekten im Bereich der Wärmepumpen und Kältetechnik. Der Dialog findet quartalsweise statt.